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24.3.2008 -
"Wir sind weit davon entfernt, uns in eine Weltwirtschaftskrise hineinzubewegen", erklärt Professor Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft, und Berater der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) in einem Interview mit der Zeitschrift SUPER ILLU. Es handele sich eher um einen "isolierten Schock": "Denn das Ursprungsproblem ist eindeutig in den USA zu lokalisieren - mit der Hypothekenkrise und den fragwürdigen Kreditvergaben dort", erklärte der Ökonom und frühere Generalsekretär des Rats der Wirtschaftsweisen. Lesen Sie das ganze Interview im Wortlaut.
Täglich neue Hiobsbotschaften von den Finanzmärkten - fallende Börsenkurse, schwacher Dollar, Ölpreisexplosion. Die Angst vor einem Kollaps der Weltwirtschaft macht die Runde. Prof. Dr. Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln im Interview der Zeitschrift SUPER ILLU.
SUPER ILLU: Haben wir das Schlimmste noch vor uns, stehen wir gar an der Schwelle zu einer weltweiten Wirtschaftskrise?
Professor Michael Hüther: Nichts ist misslicher für Finanzmärkte als eine Unsicherheit, die nicht zu greifen ist. Und das Misstrauen am Markt führt dazu, dass
alle anderen Kreditbestände und Portfolien nun auch überprüft werden. Aber: Wir sind weit davon entfernt, uns in eine Weltwirtschaftskrise hineinzubewegen. Es handelt sich eher um
einen isolierten Schock. Denn das Ursprungsproblem ist eindeutig in den USA zu lokalisieren - mit der Hypothekenkrise und den fragwürdigen Kreditvergaben dort.
Die Börse stöhnt schon. Wann schlägt sich die Finanzkrise auf die Realwirtschaft in Deutschland nieder - also auf die Auftrags-, Ertrags- und Beschäftigungslage unserer
Unternehmen?
Bisher sehen wir eine sehr robuste deutsche Industrie. Das hat aber auch damit zu tun, dass ihr Erfolg weniger konjunkturell getragen ist, als vielmehr durch Wettbewerbsfähigkeit,
Innovationskraft, durch das, was die Unternehmen in den vergangenen Jahren auf den Weltmärkten erreicht haben. Das ist keine kurzfristige Welle. Wir werden uns zwar nicht komplett abkoppeln
können von der verunsichernden Situation in den USA, aber wir werden uns differenzieren können. Unser Wachstum kann 2008 zwar bis zu einem Prozentpunkt niedriger ausfallen als die 2,5
Prozent des Vorjahres, aber es bleibt stabil und beschäftigungsaufbauend. Und das ist doch eine gute Botschaft für Deutschland.
Deutsche-Bank-Chef Ackermann glaubt nicht an die Selbstheilungskräfte des Marktes, fordert das Eingreifen der Regierungen. Hat er Recht?
Auch Regierungen oder Notenbanken können durch ihr Eingreifen nur deutlich machen, dass sie zur Stabilisierung des Gesamtsystems beitragen, sie können aber keine Einzelrisiken
übernehmen und auflösen. Insofern ist die Äußerung von Herrn Ackermann schon sehr misslich. Man kann nicht in einer Krisensituation nach dem Staat rufen. Es hat Fehlverhalten bei
den Banken gegeben, keine Frage. Und es ist Sache der Banken, die Wirkungen dieses Fehlverhaltens auf die Stimmung an den Börsen in Grenzen zu halten - indem sie Klarheit über die
Risikopositionen schaffen und für Vertrauensaufbau sorgen.
Ist es bedenklich, dass die US-Notenbank Federal Reserve quasi am laufenden Band neues Geld druckt und in die Finanzmärkte pumpt?
Man muss unterscheiden: Wenn die Notenbanken Liquidität ins System geben, damit in der Realwirtschaft keine Probleme entstehen, in der Finanzierung und im normalen Geldkreislauf, ist das
völlig in Ordnung. Das zweite ist: Sollen Notenbanken massiv Zinsen senken? Die Zinssenkungen in den USA wie zuletzt um 75 Basispunkte auf 2,25 Prozent, sind sicher effektiver als bei uns. Durch
diese geldpolitische Maßnahme kann Druck aus dem System genommen werden, kann bei der Erstursache, den faulen Hypotheken-Krediten, etwas behoben werden. Auf Dauer geht es aber nicht, ist, dass
eine Notenbank gleichzeitig Kreditportfolien wie jetzt von der US-Traditionsbank »Bear Stearns« aufkauft. Dann muss der Staat letzten Endes auch die Bankvorstände übernehmen.
Und dann gibt es nur noch BAT (Bundesangestelltentarif; d. Red.) für die Manager. Das ist ins Extreme gewendet doch die Schlussfolgerung dessen, was Herr Ackermann sagt. Wenn der Staat das
Kerngeschäft von Banken, Geld einzusammeln und es weiter zu geben, übernimmt, dann geraten wir in eine völlig andere ökonomische Welt - die wir nicht wollen.
Rohöl ist Spekulationsobjekt der Finanzjongleure und mit mehr als 100 Dollar je Barrel so teuer wie nie. Welcher Anteil am Ölpreis geht auf das Konto der Spekulanten, und wie
soll das weiter gehen?
Dieses hohe Preisniveau ist angesichts einer schwächeren Weltwirtschaft und veränderten Angebotsbedingungen nicht plausibel. Auch gibt es keine neuen Risiken z.B. im Nahen Osten, die diese
Bewegungen nach oben begründen würden. Daher wird es sicher Korrekturen geben. Auch internationale Organisationen erwarten, dass der Preis für Rohöl im Laufe des Jahres bei 75
Dollar liegen sollte.
Jetzt gibt es auch einen Run auf Gold. Ist das rational zu begründen?
Eigentlich gibt es für den Run der Anleger auf Edelmetalle keinen Anlass, denn die Unternehmensbewertungen am Aktienmarkt sind mehr als fair - sprich: niedrig und nicht fehlbewertet.
Was bedeutet der megaschwache Dollar für uns?
Der Dollarkurs hat mittlerweile eine Schmerzgrenze erreicht. Viele Unternehmen, die in den Dollar-Bereich exportieren, sind von der Verteuerung ihrer Produkte betroffen. Auf den gesamten deutschen
Export bezogen, sieht es entspannter aus. Ein Vorteil: Der starke Euro ermöglicht es uns - im Gegensatz zu Großbritannien und Ostasien - die in US-Dollar ausgewiesenen Rohölpreise
etwas abzufedern. Auf Dauer ist der Dollarkurs sicher eine Übertreibung. Was die Währungsrelation aber spiegelt ist, dass Europa wirtschaftlich stärker zu sehen ist und die USA
schwächer - das ist die Kernbotschaft.
Mit zuletzt 2,8 Prozent ist die Inflation in Deutschland so hoch wie lange nicht. Ist das erst der Anfang? Wird unser Geld bald nichts mehr wert sein?
Nein, diese Gefahr besteht nicht. Die aktuellen Inflationsraten sind immer noch völlig unspektakulär. Wir hatten schon deutlich höhere Raten von vier bis sechs Prozent. Prognostizierte
2,5 Prozent im Jahresdurchschnitt 2008 sind zwar nicht schön, aber wir dürfen nicht vergessen: Das ist nur einen guten halben Prozentpunkt über der Inflationsmaßgabe der EZB. Das
ist noch kein Drama. Aber die Notenbank muss die Entwicklung im Auge behalten.
Hier finden Sie das Interview auf den Webseiten von SUPER ILLU.
Hier erfahren Sie mehr über Professor Hüther.

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