INSM und Tagesspiegel luden ein zur Diskussion in Berlin
Hauptstadtforum "Werte verboten? Was Kinder stark macht."
6.7.2007 - Es war eine "kontroverse, aber disziplinierte" Diskussion - mit diesem Kommentar schloss Moderatorin Dr. Ursula Weidenfeld, stellvertretende Chefredakteurin der Berliner Tageszeitung "Der
Tagesspiegel", vor vollem Saal in der European School of Management im ehemaligen Staatsratsgebäude. Gemeinsam mit dem Tagesspiegel hatte die INSM am Donnerstag, 5. Juli, zum "Hauptstadtforum"
eingeladen. Titel der Veranstaltung: "Werte verboten? Was Kinder stark macht." Auf dem Podium: Dr. Bernhard Bueb, ehemaliger Leiter des Internats Schloss Schule Salem und Krista Sager,
Stellvertretende Fraktionsvorsitzende von Bündnis 90/ Die Grünen.
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Eine ehrliche, nicht von falscher political correctness getrübte Diskussion hatte INSM-Geschäftsführer Max A. Höfer in seiner Begrüßung gefordert, und die gab es dann
auch - sowohl auf dem Podium als auch bei den anschließenden Zuschauerfragen. INSM und Tagesspiegel hatten ein brandaktuelles Thema aufgegriffen - dass Deutschland ein akutes Erziehungs- und
Bildungsproblem hat, ist nicht zu übersehen. So berichtete auch Dr. Joachim Meinhold, Sprecher der Geschäftsführung des Tagespiegel, von einer langen Chronologie der Berichterstattung
zu diesem Thema im eigenen Blatt.
Doch was tun angesichts der täglichen Meldungen über die PISA-Krise, das Chaos in vielen Klassenzimmern oder die Lehrerdiffamierung per Handi-Video? Die Grünen-Politikerin und der
ehemalige Internatsleiter boten im Detail recht unterschiedliche Ansätze an.
Dr. Bernhard Bueb, der mit seinem Buch "Lob der Disziplin" einen Bestseller geschrieben hat und auch schon bei Christiansen und Maybrit Illner zu Gast war, setzte sich stark dafür ein, dass der
Wert der sogenannten "Sekundärtugenden", also z.B. Disziplin, Fleiß und Pünktlichkeit, wieder höher geschätzt wird: "Disziplin ist die Grundlage jeder kulturellen Leistung",
sagte Bueb. Der frühere Internatsleiter lehnt die "lockere" Haltung, die zur antiautoritären Erziehung der 68er gehört, rigoros ab. Für ihn ist die Disziplinlosigkeit dieser
Ära einer der Gründe für die heutige Erziehungsmisere. Krista Sager widersprach vehement: Die Erziehungs- und Bildungsexpertin von Bündnis 90/ Die Grünen wehrte sich gegen
den Vorwurf, die 68er seien "an allem Schuld".
Nur kurz verweilte die Diskussion bei dieser Art von "Ursachenforschung" - schließlich ging es um Lösungen. Wie kann man die bildungsfernen Schichten erreichen, diese Frage brachte Krista
Sager mehrfach auf. Bei der Antwort gab es einen gemeinsamen Ansatz von Bueb und Sager: In der Ganztagsschule liegt großes Potential. Denn wenn die Lehrer ihre Schüler in der Freizeit auch
einmal von einer ganz anderen Seite kennen lernen, können sie positive Seiten fördern. "Kein Schüler ist verloren, an den ein Lehrer glaubt", sagte Bueb, der in seiner 25jährigen
Tätigkeit in Salem auf gemeinsame Unternehmungen und praktische "Erlebnispädagogik" gesetzt hat. Und noch einmal Einigkeit zwischen Bueb und Sager - das dreigliedrige Schulsystem mit seiner
frühen Festlegung auf Gymnasium, Real- oder Hauptschule soll reformiert werden.
Ausführlich ging es um eine lange verkannte "Problemgruppe" - nämlich die männliche Hälfte der Schülerschaft. Die "Jungs" seien oft überfordert, berichteten beide
Erziehungsexperten. Adäquater Umgang mit den Gefühlen müsse noch gelernt werden, berichtete Krista Sager, und es sei vor allem für viele Jungen aus Migrantenfamilien sehr
schwierig, wenn sie zunächst verhätschelt und dann, im Schulalter, plötzlich von ihren Vätern mit harten Leistungsanforderungen konfrontiert würden.
Kann und soll die Schule all das nachreichen, was Eltern an Erziehung versäumt haben? "Gemeinschaftserziehung als Ersatz der elterlichen Erziehung, dass Lehrer die Eltern in dieser Aufgabe
ersetzen" sei eigentlich "der schlechteste Fall", so Bueb - der gleichwohl anerkannte, dass viele Familien mit der Erziehung überfordert seien. "Es fehlt ein Konsens über die Erziehung",
berichtete Bueb, viele Eltern und auch Lehrer seien verunsichert, wie sie erziehen sollten, trauten sich kaum, mehr Konsequenz und Strenge zu zeigen.
Dass kleinere Klassen und individuelle Betreuung mithelfen, Kinder in ihren Fähigkeiten zu stärken, war unstrittig auf dem Podium wie auch im Publikum. Doch woher sollen die Mittel kommen?
Bueb belebte die Diskussion mit seinem Vorschlag, das
Kindergeld nicht an die Eltern, sondern an die Schulen weiterzugeben.