Mit der Lektüre ist es wie mit einem erstklassigen Bordeaux: Man hätte gerne mehr davon. Denn niemand (zumindest in Deutschland) weiß aus eigener Erfahrung besser über die
europäische Währungspolitik der vergangenen Jahrzehnte bescheid als Tietmeyer. 1962 trat er in das Bonner Wirtschaftsministerium ein, 1982 bis 1990 war er Staatssekretär im
Finanzministerium. Danach ging er zur
Bundesbank, deren Präsident er von 1993 bis 1999 war.
Der Westfale, hat an unzähligen internationalen Verhandlungen teilgenommen. Er kennt alle, die in der europäischen Währungspolitik eine Rolle gespielt haben: Kohl, Mitterrand, Chirac,
Thatcher, Giscard, Waigel, Delors, Pöhl, Trichet, Duisenberger, Juncker und wie sie alle heißen.
Tietmeyer lässt durch alle Detailschilderungen eine Grundthese erkennen, die in Deutschland etwas gewöhnungsbedürftig sein könnte: In der Währungsunion sieht er eine
vielleicht nicht zwingende, aber doch logische Konsequenz aus den - zum Teil fehlgeschlagenen - währungspolitischen Versuchen zur Kooperation in der Vergangenheit. Der Euro ist aus dieser Sicht
kein Zufallsprodukt der Geschichte, ebenso wenig wurde er Deutschland aufgezwungen.
Der Euro ist für Tietmeyer vom allem ein deutsch-französisches Kind, ohne dass er die Bedeutung anderer Partnerländer schmälern möchte. Vorbedingung einer Währungsunion
war führ ihn die Bereitschaft Frankreichs, deutsche Prinzipien wie die Unabhängigkeit der Zentralbank, den Primat der Geldwertstabilität und geordnete wirtschaftliche Verhältnisse
zu übernehmen und auf die alte Neigung zur
Inflation und zur Abwertung der eigenen Währung zu verzichten. Nachdem Frankreich (und in seinem Gefolge weitere Länder) den notwendigen
Schwenk glaubwürdig vollzogen hatte, war eine wesentliche Voraussetzung für die Währungsunion erfüllt.
So ist der Euro ein ansehnliches Kind geworden, doch lebt er leider in unsicheren Verhältnissen. Tietmeyer beklagt, dass es mit der politischen Union in Europa nicht richtig vorangekommen sei,
und die wohl unabwendbare Aufweichung des Stabilitäts- und Wachstumspakts ist ihm ein böses Ohmen. Denn der Euro braucht weiter Hege und Pflege.
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Carl Hanser Verlag
340 Seiten, gebunden
ISBN 3-446-40030-3
24,90 ?