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Im WM-Jahr hat sich Hochsprunglegende Ulrike Nasse-Meyfarth, Mitglied im Förderverein der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, in einem Zeitungsaufsatz Gedanken darüber gemacht, was Deutschland vom Spitzensport lernen kann. Die zweifache Olympiasiegerin weiß: Der Kampf um Klasse spielt sich im Kopf ab."
Was Deutschland vom Spitzensport lernen kann? Das ist eine sehr umfassende Frage an jemanden, der wie ich nicht hauptberuflich Politiker ist. Und eine perfekte Antwort habe auch ich natürlich auch nicht. Ich will versuchen, mich dieser Frage aus meiner Lebenserfahrung als Athletin und als Mensch zu nähern.
Was sind die Kriterien für den Erfolg? Ich habe nach meinem Olympiasieg in München auch lange nach einer Antwort auf diese Frage gesucht. Zu Medaille und Weltrekord war ich 1972 gekommen, ohne dass ich das zuvor bewusst geplant hätte. Es lief im Stadion alles wie in einem Film ab. Ich wollte einfach nur über diese Latte rüber, die sie aufgelegt hatten. Was ich damit erreicht hatte, wurde mir erst in den Tagen und Wochen danach klar, als man mich als "Goldkind" feierte - ich wurde zur öffentlichen Person, ein Stück weit wider Willen.
Dieser erste große Sieg ist mir zugefallen. Ich war erst vier Jahre sportlich aktiv. Meine Eltern hatten mich mit 12 in den Verein geschickt, damit ich "was auf die Rippen" kriege. Denn es war schon zu diesem Zeitpunkt klar, dass ich überdurchschnittlich groß werden würde. Man erkannte mein Talent für den Hochsprung. Vier Jahre später sprang ich in München Weltrekord. Es hat eine Zeitlang gedauert, bis ich das begriffen hatte - und noch viel länger, bis ich das innerlich verarbeitet hatte.
"Ich hasse diese Höhe!" habe ich später immer wieder gesagt, als es mir partout nicht mehr gelang, zum alten Niveau zurückzufinden. Tausende Trainingssprünge, 30-Meter-Sprints, bei denen meine Geschwindigkeit per Lichtschranke gemessen wurde: Ich geriet in Krisen, wenn ich um ein Hundertstel langsamer war. Ich habe gebangt, ob mein Körper das alles mitmacht. Ich war noch keine 20, da zeigten meine Kniegelenke ernste Verschleißprobleme, ich hatte einen Ermüdungsbruch am Mittelfußknochen. Nicht gerechnet die vielen kleinen Prellungen und Blessuren, die man sich beim Training und im Wettkampf immer wieder zuzieht.
Über Jahre waren meine Leistungen nur mittelmäßig. Noch keine 20, war ich mit Häme und Herablassung konfrontiert: "Vielleicht hat sie 1972 einfach nur unheimliches Glück gehabt..." Ich kämpfte mit Wut und Resignation, wenn mein erster Trainer - und mit ihm viele Medien - sagte: "1,80 Meter springt keine Olympiasiegerin!" Es dauerte drei Jahre, bis ich meine Höhe von 1972 wieder schaffte. 1977 ein neues Tief: Ich flog aus dem Nationalmannschaftskader: "keine Leistungsperspektive mehr", wie die Funktionäre in einem solchen Fall sagen. Oft habe ich damals daran gedacht aufzuhören. "Warum tust Du Dir das an?"
Wohlmeinende Ratschläge kamen von vielen Seiten - zum Beispiel meinem Schulrektor, der mich fragte, ob nicht eine Goldmedaille genug sei. Das hat mir ebenso wenig geholfen, wie die Unterstützung meiner Eltern in dieser Zeit. Die fuhren mich zum Training und nahmen mir soviel wie möglich an Alltagsarbeit ab, nur damit ich zurück zu meiner Form finde. Ich bin für diese Fürsorge dankbar, aber sie hat mir doch nichts genützt, weil ich selbst im Kopf nicht bereit war für einen neuen großen Sprung.
Und an dieser Stelle nähern wir uns der Frage, was nach meiner Erfahrung Erfolg ausmacht. Ich habe Jahre gebraucht, um das für mich persönlich zu klären. Es gehört ganz sicher dazu, sich auf eine Sache zu konzentrieren und diese mit aller Kraft zu verfolgen. Darin steckt natürlich auch das Risiko, dass man sich jahrelang für dieses Projekt aufreibt und dann doch den ganz großen Erfolg verpasst. Ich erlebe auch in meiner Umwelt, dass nicht wenige schon aus Furcht vor einem solchen Misserfolg und dem Risiko des Scheiterns ein Projekt erst gar nicht beginnen - zum Beispiel die eigene Selbstständigkeit.
Aber ohne diese Konzentration auf ein Ziel - ob nun sportlich oder vielleicht auch geschäftlich - kann niemand große Sprünge machen. Ich arbeite heute viel mit jungen Leuten, weil ich für meinen Verein nach Sportbegabungen suche. Natürlich wachsen mit jeder Generation auch große Talente nach. Aber ich erlebe heute oft, dass junge Menschen ihre Chancen nicht ausschöpfen, weil sie zu viele Sachen gleichzeitig, und von allem nur ein bisschen machen - es fehlt die Konzentration auf ein Projekt, ob nun im Sport oder auf anderen Feldern. Das hat sicher auch mit den vielfach größeren Ablenkungen der Werbe- und Medienwelt zu tun.
Klar ist auch, dass zur Leistung Leidenschaft gehört - und zwar mit Betonung auf der ersten Hälfte des Wortes. Auch ich persönlich habe gelitten - an mir, an den Trainingseinheiten und auch unter der Rivalität mit meinen Konkurrentinnen in aller Welt und deren Fortschritten. Im Sport ist das schon lange klar, in der Wirtschaft akzeptieren es viele immer noch nicht: Einmal erreichte Spitzenpositionen wollen verteidigt sein gegen eine globale Konkurrenz. Ich schaffte 1980 bei der deutschen Meisterschaft 1,94 Meter, meine italienische Rivalin Sara Simeoni überquerte bei den Olympischen Spielen 1980 in Moskau 1,97 Meter!
Dieses Datum bringt mich zu einem weiteren Aspekt, der mit einem Erfolgsweg verbunden ist. Man muss dabei auch Rückschläge verkraften können, die man nicht selbst zu vertreten hat. Man muss einfach versuchen, sich davon nicht aus der Bahn werfen zu lassen. In diesem Fall war es der Boykott westlicher Länder bei Olympia in Moskau. Wir Athleten hatten bis zuletzt gehofft und darauf hin trainiert, während darüber debattiert wurde, ob Deutschland nun teilnimmt oder nicht. Am Ende waren wir nicht dabei. Das war frustrierend für viele meiner Kameraden. Ich war 1980 ganz gut, aber andere Athleten aus unserer Mannschaft hatten sich zu diesem Termin in die Form ihres Lebens gebracht und durften nun nicht antreten! Ich habe das sehr bedauert.
Ja - an verpassten Chancen können auch andere schuld sein. Das muss man von vornherein mit einkalkulieren. Umgekehrt kommst Du aber nicht zu Spitzenleistungen, wenn Du Dich von der Angst vor einem möglicherweise unverschuldeten Misserfolg lähmen lässt, oder auch von der Angst, dass das letzten Quäntchen Glück fehlen könnte.
Natürlich braucht man Unterstützung und Verbündete auf dem Weg nach oben. Ich habe hier vor allem meinem Trainer Gerd Osenberg zu danken. Er hat mich Kniebeugen machen lassen, als ich Probleme mit meinen Knien hatte. "Wenn Du nicht an dieser Schwachstelle arbeitest, wird das nie besser", sagte er, wenn ich seine Anweisung zähneknirschend befolgte. Hilfe braucht man und sollte man auch annehmen. Aber niemand trägt einen auf Dauer bergauf. Wenn man die Latte vor sich hat, muss man allein springen. Und man sollte sich erst gar nicht damit aufhalten, äußere Umstände dafür verantwortlich zu machen, wenn sie fällt. Der Kampf um die eigene Klasse spielt sich im Kopf ab. Ich habe diese Auseinandersetzung mit mir und mit den Ansprüchen anderer an mich jahrelang mit mir ausgetragen - bis 1984 in Los Angeles, zu meinem Sprung zur zweiten Goldmedaille 12 Jahre nach München.
Woran merkt man, dass es mental dieses Mal reicht für den Sprung an die Spitze? Dazu möchte ich meinen langjährigen journalistischen Begleiter und Freund Uwe Prieser zitieren, der diesen entscheidenden Moment so gut beschrieben hat wie ich es selbst nicht könnte:
"Gleich an den ersten Schritten sieht man, ob man bei dem Sprung Angst um sie haben muss oder nicht. Eigentlich sind es noch gar keine Schritte, jedenfalls nicht auf Raumgewinn aus, nur eine schnelle fließende Bewegung, wie aus der Hüfte geschüttelt. Ihr Gehirn hat dann das Startsignal gegeben, und die Impulse laufen durch die Nervenbahnen und in die Muskelzellen, immer mehr Impulse und schneller und schneller, bis sie sich zu einem geschlossenen Strom verbinden und Ulrikes Körper ohne den geringsten Widerstand alles tut, was er in Tausenden von Trainingssprüngen gelernt hat. Bei den kurzen ersten Schritten ertasten ihre Fußsohlen den Belag der Kunststoffbahn, und der Kunststoff wird unter den Sohlen lebendig und gibt den Druck federnd zurück, auch dann noch, wenn die Schritte schon lang geworden sind und voller Kraft. Den Krafteinsatz bemerkt man dann überhaupt nicht mehr."
Es hat mir Spaß gemacht, die eigenen Grenzen auszuloten. Ich wünsche dieses Glücksgefühl auch vielen anderen Menschen.
Ulrike Meyfarth feierte vor kurzem ihren 50. Geburtstag. Vier Mal wurde sie zur Sportlerin des Jahres gewählt. Die zweifache Mutter ist mit einem Kölner Rechtsanwalt verheiratet. Sie
arbeitet heute als Talentscout und engagiert sich darüber hinaus in zahlreichen Bereichen gesellschaftlich - so auch im Förderverein der Initiative Neue
Soziale Marktwirtschaft, FINSM.