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Hans Tietmeyer

Hans Tietmeyer in "Cicero"

Global ist sozial

1.6.2004 - In einem Gastbeitrag für das Magazin "Cicero" hat Hans Tietmeyer die Globalisierungskritik kommentiert. Die Erfahrung zeige, dass vom freien Handel nicht nur die Reichen profitierten, so der Kuratoriumsvorsitzende der "Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft" (INSM).

Demonstrationen sind inzwischen "inoffizielles" Begleitprogramm internationaler Wirtschaftskonferenzen, wie zuletzt in Seattle, Genua, Cancún, Florenz und Davos - Bilder einer neuen weltweiten Protestbewegung, die in ihrem Zulauf an Friedens- und Umweltbewegungen der siebziger und achtziger Jahre erinnert.

Die "neoliberale Globalisierung" ist das erklärte Feindbild dieser Bewegung, die auch unter Intellektuellen Verbündete hat. Die Debatte um Globalisierung prägen Missverständnisse, Fehlinterpretationen und Ängste: Ist der freie Welthandel ein Instrument zur Demontage der Sozialsysteme in den Industrieländern?

Erpressen multinationale Konzerne die Entwicklungs-, Schwellen- und auch die Industrieländer? Führt der ungehemmte Fluss von Finanz- und Warenströmen nicht dazu, dass die reichen Länder immer reicher und die armen Länder immer ärmer werden?

Viele Ängste und Sorgen sind durchaus nachvollziehbar. Wenn 500 000 Menschen wie im November 2002 in Italien gegen die angebliche Ausbeutung der armen Länder durch Konzerne demonstrieren, dann mobilisiert auch die Angst um eigene Besitzstände und Arbeitsplätze. "Globalisierung" bedeutet die massive Änderung der Lebens- und Arbeitsgewohnheiten vieler Menschen. Der globale Kunde arbeitet mit dem World Wide Web, sein Hemd kommt aus Thailand, sein Auto aus Japan, er telefoniert mit einem Handy aus Finnland, wobei die Herkunftsorte für die einzelnen Produkte immer austauschbarer werden. Umgekehrt verdient der gleiche Kunde sein Geld mit der Entwicklung und Produktion von Leistungen und Gütern für den Weltmarkt.

Konzerne spielen die Rollen von so genannten "Global Players" und produzieren weltweit. Und doch gibt es immer neue "Player", die oft klein anfangen und sich durchsetzen. Staatsgrenzen sind durchlässig geworden, Zölle und Handelshemmnisse werden radikal abgebaut. Seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts stiegen die Exporte von Industriegütern preisbereinigt um mehr als das Fünfzigfache.

Natürlich gehören zur Globalisierung auch die Finanzströme, ja, sie waren und sind in vielen Bereichen sogar die treibenden Kräfte der Internationalisierung. Ihr Funktionieren scheint oft nur wenigen verständlich. Für die Globalisierungsgegner steht freilich fest: Die freien Finanzmärkte sind die eigentlich gefährlichen Kräfte. Für die Kritiker sind das Weltfinanzsystem, die milliardenschweren Investitionen von Fonds und Banken in den Entwicklungsländern sowie der Internationale Währungsfonds (IWF) Zielscheiben ihrer Attacken.

Die Vorwürfe der Globalisierungsgegner sind so vielfältig wie ihre Zusammensetzung. Sie rekrutieren sich aus prinzipiellen Marktgegnern, die nach dem Fall der großen Systemgegensätze eine politische Heimat suchen: Umweltschützern, Menschenrechtlern und Gewerkschaftern, die Besitzstände und heimische Jobs verteidigen. So verständlich ihre Opposition auf den ersten Blick häufig ist; sie sehen den Feind meist auf der falschen Seite und kämpfen oft gegen Windmühlen, statt die Kraft des Windes für positive Entwicklungen zu nutzen.

Dieser Kritik stelle ich fünf Thesen entgegen.
1. Globalisierung kann Wohlstand und Arbeitsplätze schaffen

Im Wettbewerb können die komparativen Vorteile - also unterschiedliche Arbeitskosten, Forschungsergebnisse, die Qualifikation der Arbeitskräfte, Regulierungen sowie Steuer- und Abgabensysteme - optimal genutzt werden. Güter und Leistungen können dort hergestellt werden, wo es jeweils am günstigsten ist. Dadurch steigt die Produktivität - und der Preis für die Produkte sinkt. Das nutzt allen Beteiligten.

Zweifellos kostet die Verlagerung von Leistungen an kostengünstigere Standorte in den Industrieländern auch Arbeitsplätze. Doch der Saldo aus verlorenen und neuen Jobs ist weltweit positiv. Über die Verteilung dieser Arbeitsplätze entscheidet allerdings der Wettbewerb. Industrieländer müssen deshalb eine Frage beantworten: Können und dürfen wir den Entwicklungsländern Wachstumschancen verbauen, weil wir unsere Wirtschaftsstruktur nicht verändern wollen? Gerade ein Land wie Deutschland hat allen Grund, ein Loblied auf die Globalisierung zu singen.

Ohne den globalisierten Handel hätten wir unseren Wohlstand nicht und könnten auch den teuren Sozialstaat nicht erhalten. Die Globalisierung bringt viele Herausforderungen, aber sie ermöglicht auch neue Arbeitsteilungen. Ohne Zulieferungen aus Niedriglohnländern müssten viele Produktionsstätten hierzulande geschlossen werden. Deutschland, so hat der Präsident des Ifo-Institutes, Hans-Werner Sinn, formuliert, ist zu einer "Basar-Ökonomie" geworden; zu einem Land, das Weltmärkte oft mit Waren bedient, die es selbst zu großen Teilen aus Kostengründen in anderen Ländern produzieren lässt. Made in Germany bedeutet längst nicht mehr, dass alle Teile und Arbeitsschritte aus Deutschland kommen. "Deutsche" Autos rollen vielfach mit Motoren oder anderen Teilen, die in Nachbarländern gefertigt wurden von den Bändern - Ländern, in denen erheblich unter dem deutschen Lohnniveau gearbeitet wird. An dieser Arbeitsteilung ist nichts falsch, solange sie für beide Seiten bessere Ergebnisse bringt und ihren Wohlstand fördert. Und das hängt von jedem selbst ab.

Ein Beispiel für die Vorzüge des globalen Wettbewerbs ist Finnland. In diesem früheren Hochsteuerland arbeitete der Telekommunikationskonzern Nokia bisher recht erfolgreich. Warum blieb dieses sehr global orientierte Unternehmen trotz hoher Abgaben und auch relativ hoher Arbeitskosten in Finnland? Zum einen, weil es - wie viele Konzerne - zwar global ausgerichtet, aber nicht heimatlos ist. Und zum anderen, weil es das dortige Umfeld braucht, um auf dem Weltmarkt zu bestehen - neben weniger Reglementierung vor allem ein hervorragendes Bildungswesen, das Top-Kräfte hervorbringt.

Finnland zeigt: Nicht allein die Höhe der Abgaben gibt den Ausschlag für Standortentscheidungen, sondern auch die Qualität der staatlichen Ausgaben. So gibt Finnland mit rund sieben Prozent des Bruttoinlandsproduktes mehr für die Bildung aus als die meisten Länder. Pro Kopf registriert das Europäische Patentamt bei den Finnen mehr Patente als in anderen EU-Ländern. Finnland plagen auch keine Pisa-Sorgen. Nach Einschätzungen des World Economic Forum verfügt das Land weltweit über die höchste Wettbewerbsfähigkeit.
2. Globalisierung kann die Macht an den Märkten relativieren

Die weltweite Konkurrenz stellt auch Konzerne in einen verschärften Wettbewerb und lässt sie stärker als früher um Nachfrager werben. Die können dann Produkte und Dienstleistungen zu günstigeren Preisen erwerben. Manche der früheren Monopolisten werden so herausgefordert, zum Vorteil für die Konsumenten. Ein Beispiel ist die Deutsche Telekom: Sie ist zwar heute größer als die entsprechenden Unternehmensteile der Deutschen Bundespost zu Monopolzeiten. Mehr Macht hat sie aber nicht: Wer mit ihren Leistungen unzufrieden ist, kann zu einem Wettbewerber wechseln.

Was oft noch wichtiger ist: Der Wettbewerb eröffnet auch neue Chancen für bisher nationale Anbieter. Deswegen ist auch die These falsch, dass Globalisierung automatisch die Position der Großen stärkt.

Ein exponentiell wachsender wirtschaftlicher Einfluss großer Unternehmen durch die Globalisierung lässt sich zwar behaupten, aber nicht belegen. Nach UN-Angaben fiel der Anteil der 50 größten Konzerne am Weltsozialprodukt zwischen 1990 und 2000 - obwohl die neunziger Jahre das Jahrzehnt der Globalisierung waren.

Fortsetzung ...
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