Die Neuverschuldung des Bundes wird in diesem Jahr auf den Rekordwert von fast 44 Milliarden Euro steigen. Der Bund entfernt sich damit weiter denn je von seinem ursprünglichen Ziel, 2006 einen
ausgeglichenen Haushalt vorzulegen. Und da auch in einer Reihe von Ländern die Haushaltsdefizite höher ausfallen werden, wird die Bundesrepublik Deutschland zum dritten Mal in Folge die
Defizitgrenze des EU-Stabilitätspakts überschreiten.
Darüber hinaus ist schon jetzt absehbar, dass ohne einschneidende Korrekturen das Defizitkriterium auch 2005 nicht erfüllt wird. So jedenfalls lautet die Prognose der führenden
Wirtschaftsforschungsinstitute. Auch die EU-Kommission sagt Deutschland für 2005 ein übermäßiges
Defizit voraus. Einen verschärften Sparkurs, wie er von der Mehrheit der
Institute in ihrem aktuellen Herbstgutachten gefordert wird, scheint die Bundesregierung abzulehnen. Sie sieht offenbar die konjunkturelle Erholung gefährdet und sie setzt bisher nur auf die
Kürzung einzelner
Subventionen.
Der Bundesregierung kommt dabei in der aktuellen Situation entgegen, dass ihre bereits 2003 erhobene Forderung, der Stabilitäts- und Wachstumspakt solle nicht "statisch interpretiert" werden,
jetzt auch in der EU-Kommission eine gewisse Unterstützung erfährt. So soll offenbar Ländern, die sich in wirtschaftlichen Schwächephasen befinden, künftig mehr Zeit
eingeräumt werden, die jährliche Neuverschuldung unter das Drei-Prozent-Kriterium zurückzuführen. Bislang galten nur rezessive Wachstumseinbrüche als "außerordentliche
Umstände", die es erlauben, vorübergehend gegen das Kriterium zu verstoßen.
Eine solche Aufweichung des Stabilitätspaktes ist jedoch riskant. Die Drei-Prozent-Marke enthält bereits viel Flexibilität für konjunkturelle Schwächephasen. Angesichts der
hohen Schuldenstände in Europa lautet die eigentliche mittelfristige Zielorientierung des Paktes ja "close to the balance or surplus". Dass Deutschland sich von diesem Ziel inzwischen weit
entfernt hat, hängt weniger mit der Konjunktur als mit dem übermäßigen strukturellen, also konjunkturbereinigten,
Defizit zusammen.
Auch wenn dessen Höhe aus methodischen Gründen nicht völlig einheitlich beziffert wird, ist doch unbestritten, dass es in Deutschland inzwischen den Großteil der
Netto-Neuverschuldung ausmacht. Die Europäische Kommission hat das strukturelle
Defizit für 2004 auf 3,4 Prozent des BIP veranschlagt. Deutschland schöpft den für konjunkturelle
Tiefs vorgesehenen Verschuldungsspielraum also schon durch die strukturell bedingten Ausgaben übermäßig aus. Und das eigentlich Besorgniserregende ist, dass unser
Defizit sich auch
bei einer Konjunkturerholung ohne weitgehende Konsolidierungsanstrengungen kaum reduzieren wird. Insbesondere die laufenden Personal-, Sozial- und Subventionsausgaben sind zu hoch, und zwar nicht nur
beim Bund.
Die Fokussierung auf das aktuelle
Defizit und die voraussichtliche Neuverschuldung in 2005 greift ohnehin zu kurz. Wie US-Notenbankchef Greenspan kürzlich in einer Rede vor dem Budgetausschuss
des US-Repräsentantenhauses sehr klar gemacht hat, muss sich eine solide
Finanzpolitik an längerfristigen Planungs- und Entscheidungshorizonten ausrichten.
Betrachtet man die deutsche Situation in einer längerfristigen Perspektive und bezieht die "verdeckte" Verschuldung der sozialen Sicherungssysteme ein, so wird deutlich, dass eine nachhaltige
Konsolidierung noch viel dringlicher ist, als sie sich angesichts des aktuellen Defizits, des hohen Schuldenstandes und der damit verbundenen bisherigen Zinslasten darstellt.
Die demographische Entwicklung wird in absehbarer Zeit zu einer geringeren Zahl von Erwerbstätigen und einer höheren Zahl von Transferempfänger führen. Sie wird damit auch das
Verhältnis von Einnahmen zu Ausgaben verschlechtern. Diese Entwicklung hat nicht nur direkte Konsequenzen für die umlagefinanzierten Sozialsysteme. Sie stellt die öffentlichen
Haushalte generell vor erhebliche Probleme. Diese werden klar, wenn man weiß, dass bereits heute ein Drittel der Ausgaben der gesetzlichen
Rentenversicherung aus dem Bundesetat finanziert wird.
Zudem werden die Aufwendungen für Beamtenpensionen in den nächsten Jahren drastisch steigen - und zwar ohne dass es für sie bereits angemessene Rücklagen gibt.
Will die Politik ihre finanzielle Handlungsfähigkeit erhalten und den Weg in die drohende Schuldenfalle vermeiden, so sind Bund und Länder gefordert, ihre Konsolidierungsanstrengungen
nachhaltig zu verstärken. Bei einer
Staatsquote von fast 50 Prozent muss konsequent auf der Ausgabenseite angesetzt werden - und zwar bei den konsumtiven Ausgaben. Richtig ist, dass mit jeder
Ausgabenkürzung unmittelbar auch Nachfrage eingeschränkt wird. Diese negative Wirkung kann und muss aber überkompensiert werden durch den positiven Vertrauenseffekt, der für neue
private
Investitionen in Deutschland notwendig ist.
Erforderlich ist daher eine über einen mehrjährigen Zeitraum angelegte und konsequent umzusetzende Konsolidierungsstrategie, die das strukturelle
Defizit auf allen Ebenen des Staates
reduziert. Diese sollte mit den notwendigen Reformen, vor allem in den Sozialsystemen, verzahnt werden. Eine solche Strategie ist unerlässlich, damit die öffentlichen Haushalte den
Herausforderungen der demographischen Entwicklung Stand halten und kommende Generationen nicht übermäßig steuerlich belastet werden. Sie ist aber auch erforderlich, um das Vertrauen
in die
Finanzpolitik und in einen stabilen Euro zu stärken. Kurzfristige Sparziele sind wichtige Orientierungspunkte auf einem mittel- bis langfristig angelegten Pfad der Ausgabenreduzierung und
sollten eingehalten werden. Sie können einen verbindlichen Kurs der Haushaltskonsolidierung aber nicht ersetzen.