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Interview mit Oswald Metzger: Studiengebühren schaffen Chancengleichheit

Interview mit Oswald Metzger

"Studiengebühren schaffen Chancengleichheit"

26.1.2005 - Die heutige Entscheidung des Karlsruher Bundesverfassungs­gerichts (BVG), das Studiengebühren-Verbot für das Erststudium aufzuheben, hat Oswald Metzger, früherer Haushaltsexperte der Bundestagsfraktion Bündnis 90/ Die Grünen und Kuratoriumsmitglied der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, "mit großer Zufriedenheit" aufgenommen.

In einem Interview mit insm.de begründet er, warum er für die Einführung von Studiengebühren eintritt, warum diese Chancengleichheit herstellen, und wie sie künftig konkret ausgestaltet sein sollten. Mit ihm sprach Carsten Seim.

INSM:  Herr Metzger, was halten Sie vom aktuellen Studiengebühren-Urteil des Bundesverfassungsgerichtes?

Metzger: Das Urteil des Bundesverfassungsgerichtes nehme ich mit großer Zufriedenheit zur Kenntnis. Denn damit eröffnet uns das Verfassungsgericht die Möglichkeit zur Chancengleichheit.

INSM: Wie können Studiengebühren mehr Chancengleichheit herstellen?

Metzger: Diese Gebühren sind ein Schlüssel dazu, unsere Hochschulen in die Weltspitze zurückzubringen. Insofern sind sie auch ein Schlüssel dazu, uns in Zukunft Chancengleichheit im internationalen Bildungswettbewerb mit anderen Industrieländern zu schaffen. Denn nur durch zusätzliche Einnahmen der Universitäten - Experten schätzen bundesweit ca. 1,4 Milliarden Euro im Jahr - haben unsere Hochschulen die Chance, in der Qualität wieder zur Weltspitze zurückzukehren. Es ist möglicherweise ihre einzige. 

INSM: Die SPD-regierten Länder wollen am Angebot des gebührenfreien Universitätsangebotes festhalten - so Medienberichte.

Metzger: Diese Haltung bringt uns nicht weiter, weil diese Länder sich damit aus populistischen Gründen, die eine falsch verstandene Auffassung des Sozialen bedienen, dem notwendigen Wandel zum Besseren an den Hochschulen verschließen würden. Es ist in Wahrheit eine soziale Tat, unseren Hochschulen über Gebühren den notwendigen Qualitätssprung zu ermöglichen. Denn nichts brauchen wir so dringend für die Zukunft wie eine Wissenselite von internationalem Rang, die unsere Wirtschaft in die Lage versetzt, international wettbewerbsfähige, innovative Produkte herzustellen.

Das ist, wie der Erziehungswissenschaftler Dieter Lenzen trocken anmerkt, die Voraussetzung dafür, dass wir auch morgen noch zu essen haben. Mit Blick auf die Skeptiker auch in meiner eigenen Partei spinne ich das im Gedanken der Nachhaltigkeit weiter: Wir müssen heute auch mit Studiengebühren das Feld der Hochschulen bestellen, damit wir morgen ernten können.

INSM: Die brandenburgische Wissenschaftsministerin Johannes Wanka will die Ausgestaltung der Studiengebühren via Kultusministerkonferenz abstimmen. Was halten Sie von solchen staatlichen Eingriffen?

Metzger: Nichts! Der Staat sollte dem dringend benötigten Wettbewerb im Bildungswesen nicht im Wege stehen. Hier könnte sie sich endlich einmal wieder positiv bewähren - unsere föderale Ordnung. Wir brauchen dringend einen Wettbewerb ohne staatlichen Dirigismus für mehr Wettbewerb an den Hochschulen.

INSM: Derzeit sind Gebühren von 500 Euro pro Semester im Gespräch. Da kommt bei zehn Semestern ganz schön was an Schulden zusammen. Und der Student hat dabei noch keinen Euro für Bücher oder seinen Lebensunterhalt bezahlt ...

Metzger: Und dennoch ist das weit entfernt, auch nur annähernd kostendeckend zu sein, wenn man bedenkt, dass ein Jurastudium rund  90 000 Euro kostet, und ein Mediziner 116 000 Euro, bis er fertig ist. Ich habe deshalb viel Sympathie für das baden-württembergische Modell, die Gebührenhöhe zwischen den einzelnen Universitäten zu variieren. Wenn eine Universität mit Gebühren von deutlich mehr als 500 Euro pro Semester genügend Bewerber findet, warum sollte sie nicht deutlich höhere Gebühren erheben dürfen? Ich könnte mir in den Anfangsjahren eine Brandbreite bis zu 30 Prozent plus vorstellen, nach der Anlaufphase sollte man die Gebührenhöhe gänzlich freigeben, wie es Bert Rürup, übrigens SPD-Mitglied, vorschlägt. Das würde die Konkurrenz zwischen den einzelnen Hochschulen in Gang bringen. Ruck, zuck wären Websites und Online-User-Foren auf dem Markt, die das Preis-Leistungsverhältnis von Bildungseinrichtungen öffentlich machen würden. Ich halte unsere Studenten, die ja beanspruchen, die Intelligenz unseres Landes zu sein, für klug genug, sich selbst ein Urteil zu bilden, für welchen Preis sie wo wie gut studieren wollen.

INSM: Wollen ist das eine, aber hat finanziell auch wirklich jeder die Möglichkeit dazu?

Metzger: Das müssen wir über Stipendien und Kreditprogramme sicherstellen. Bei sozial Schwachen, zum Beispiel bei Studienbewerbern, deren Eltern Arbeitslosengeld II oder Sozialhilfe beziehen, sollte der Staat als Bürge eintreten. Zudem muss sichergestellt sein, dass die Gebühren erst nach dem erfolgreichen Abschluss zurückzuzahlen sind, wenn der Absolvent im Beruf steht. Auch das ist übrigens sozial. Denn wer studiert, wird später im Regelfall deutlich mehr verdienen, als jemand, der eine Lehre zum Beispiel als Schlosser oder Krankenschwester absolviert hat. Warum aber sollte der Bürger den Anlauf eines Studenten, ins Lager der Besserverdiener aufzusteigen, allein aus seinen Steuern finanzieren?

INSM: Bitter wäre natürlich ein Studienabbruch, weil dann auch die Gebühren in den Sand gesetzt wären ...

Metzger: Deshalb sollten wir den Universitäten flächendeckend Eingangstests unter allen Studienbewerbern erlauben. Zum einen sichern sie damit einen hohen Standard in den Seminaren und Hörsälen - und den brauchen wir. Und zum anderen verhindern solche Tests so gut es geht, dass Studiengebühren mit einem Studienabbruch in den Sand gesetzt werden.

Logisch ist, dass bei einem solchen System die ZVS ab sofort überflüssig wäre und umgehend abgeschafft werden sollte. Wir haben es derzeit mit Abbrecherquoten von bis zu 50 Prozent zu tun. Diese werden, das zeigen auch Erfahrungen an Privatuniversitäten, drastisch sinken. Zudem sind in diesen privaten Hochschulen die Studiengänge auch deutlich kürzer. Studenten müssen zwar Geld in ihr Fortkommen investieren - aber nicht so viel Lebenszeit verschwenden wie in den vielfach überfüllten staatlichen Universitäten, die aus diesem Grund auch oft nur eine mäßige Studienbetreuung anbieten können.

Sozial sind kurze Studiengänge mit optimalem Ergebnis. Weil Studenten schon aus demographischen Gründen möglichst zügig ins Arbeitsleben müssen, wo wir in naher Zukunft einen erschreckenden Mangel junger Fachkräfte haben werden.

INSM: Und was ist mit dem allgemeinen Zugang zu Forschung und Lehre?

Metzger: Der kann auch mit Gebührenmodellen bestens hergestellt werden! Zum Beispiel durch Eingangstests, die erst den Zugang zur Hochschule nach Eignung feststellen, ohne dass die Vermögensverhältnisse des Bewerbers und dessen Eltern zuvor klar sind. Das gibt an US-Elite-Unis schon lange! Wir müssen uns jedoch davon verabschieden, zu glauben, dass Universitäten Orte sind, an denen berufsjugendliche Langzeit-Studiosi ein von der Allgemeinheit alimentiertes Nischendasein mit Studentenausweis zur kostengünstigen Nahverkehrsbenutzung führen können. "Unter den Talaren / der Muff von Tausend Jahren" - ich habe diese Parole aus den Sechzigern noch in den Ohren. Heute würde ich sagen: Es ist der Muff der siebziger Jahre, den wir aus den Unis herausbekommen müssen.

INSM: Sehen Sie nicht Gefahr, dass der klamme Staat sein finanzielles Hochschulengagement zurückfährt, wenn die Universitäten eigene Gebühreneinnahmen haben?

Metzger: Auch wenn ich sonst immer zum Sparen mahne: Das darf nicht passieren! Die staatlichen Investitionen in die Hochschulen sollten festgeschrieben werden - zum Beispiel ein bestimmter Anteil vom BIP. Und die Studiengebühren sollten dem leerem Staatssäckel nicht mal nahe kommen, sondern direkt den Universitäten zugute kommen.  
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