ZDF: Der Euro ist jetzt gut fünf Jahre alt. Ist er denn aus Ihrer Sicht bisher als Erfolg zu betrachten?
Hans Tietmeyer: Insgesamt ist er zweifelsohne ein Erfolg, allerdings kommt es darauf an, dass dieser Erfolg sich fortsetzt und dass er vor allem ein längerfristiger Erfolg wird.
Dafür müssen wir sorgen.
ZDF: Bevor der Euro kam und auch in der ersten Euro-Phase, hat es viele Skeptiker gegeben, unter anderem hat sich der Nobelpreisträger Milton Friedman sehr skeptisch
geäußert, was das Experiment Euro angeht. Sind Sie stolz, dass es jetzt so gut läuft und die Kritiker und Skeptiker des Euro mit Ihren Zweifeln bisher nicht Recht bekommen
haben?
Tietmeyer: Ich bin zunächst einmal froh, dass es in den ersten fünf Jahren gut gegangen ist und ich hoffe, dass das weiter so gehen wird. Der eigentliche Test steht
natürlich noch bevor, aber wir sind gut hineingekommen. Ich glaube, die Europäische Zentralbank hat eine gute Reputation weltweit gefunden, der Euro hat sich unter den Währungen der
Welt gut etabliert. Das sind gute Ausgangslagen. Aber die andere Seite der Medaille ist, dass die europäische Wirtschaft unter Schwächen leidet und dass wir in der Fiskaldisziplin
erhebliche Probleme haben.
ZDF: Stichwort Fiskaldisziplin: Vor knapp zwei Wochen haben die Staats- und Regierungschefs den Stabilitätspakt de facto so modifiziert, dass er in der Strenge, in der er bisher
galt, nicht mehr gelten wird. Welche Gefühle bewegen Sie, wenn Sie daran denken? Sie müssten doch eigentlich vor Zorn beben, wenn sie sehen, dass die Staats- und Regierungschefs das System,
dass Sie in Jahrzehnten mit mühevoller
Arbeit aufgebaut haben, jetzt mit einem Federstrich, zwar nicht völlig aus den Angeln heben, aber doch stark relativieren?
Tietmeyer: Gefühle allein helfen nicht weiter. Ich will aber sagen, dass ich die Sorgen, die insbesondere die Zentralbanken geäußert haben, die auch die
Europäische Zentralbank geäußert hat, dass ich die sehr wohl teile. Aber es hängt jetzt entscheidend davon ab, ob die Politik ihre eigene Verantwortung anerkennt.
Es geht nicht nur um die formale Befolgung des Regelwerkes, so wichtig das ist, sondern es geht vor allem darum, dass sich in der Substanz die richtigen Entwicklungen durchsetzen und dazu
gehört, dass wir eine nachhaltig stabile
Fiskalpolitik brauchen. Das heißt, es geht darum, dass die Länder, die heute große Defizite und hohe Schuldenstände haben,
nachhaltige Korrekturen vornehmen, die das
Defizit, vor allem von der Ausgabenseite her, begrenzen. Denn das ist das Entscheidende. Finanzpolitiker haben vor allem die Ausgabenseite in der
Hand.
Die ökonomische Entwicklung, die Wachstumsraten und damit die genaue Entwicklung der Steuereinnahmen haben sie nicht unter Kontrolle. Aber genau darauf kommt es an, dass wir eine
längerfristige Ausgabendisziplin in den Ländern haben. Denn wir dürfen nicht vergessen: Die Schulden sind nicht nur schon hoch in vielen Ländern - leider auch bei uns -, sondern
es gibt auch noch viele so genannte verdeckte Schulden in den Sozialsystemen. Dort sind nämlich die eigentlichen Defizitgefahren.
ZDF: Nun betont der deutsche Finanzminister immer, er dürfe nicht in die
Rezession hineinsparen und man könne nicht den Aufschwung kaputt sparen. Wenn ich Sie richtig
verstehe, fordern Sie ihn aber gerade dazu auf und sagen, sparen, die Ausgaben begrenzen ist eigentlich der richtige Weg zu einer verlässlichen Finanzpolitik?
Tietmeyer: Es geht beim Sparen nicht darum, nur kurzfristig etwas zu sparen, sondern es geht darum, Korrekturen vorzunehmen, die die längerfristige Ausgabenentwicklung unter
Kontrolle bekommen. Das ist entscheidend. Und da darf man nicht nur warten, bis es eine ökonomische neue Expansion gibt. Die ökonomische Schwäche wird übrigens durch eine klare
Ausgabendisziplin eher überwunden, weil eine Ausgabendisziplin auch Vertrauen schafft. Vertrauen bei den Menschen, Vertrauen bei den Investoren; und da geht es nicht darum, nur kurzatmig zu
sparen, für ein halbes Jahr oder für einige Monate, oder diese und jene Positionen im einzelnen zu korrigieren. Es geht darum, die Grundlinie so festzulegen, dass sie neues Vertrauen
schafft.
ZDF: Der Euro hat als Währung in letzter Zeit ein erhebliches Maß an Vertrauen gewonnen und ist im Vergleich zu anderen Währungen im Moment sehr stark. Das mag sicher
auch an der Dollarschwäche liegen, aber im Augenblick ist der Euro ein Liebling der Devisenmärkte. Schon wird davon geredet, dass das Dollarsystem zu Ende komme und der Euro sozusagen neue
Weltleitwährung werden könne. Wie beurteilen Sie das? Ist das nach der ersten Phase der übertriebenen Skepsis nun der Übermut, der manche Politiker ergreift?
Tietmeyer: Wir sollten da mit dem Urteil vorsichtig sein. Zunächst einmal ist es so, dass die derzeitige Euro-Stärke im
Wechselkurs vor allem die Schwäche des Dollars
reflektiert. Diese Schwäche des Dollars hat damit zu tun, dass die amerikanische ökonomische Entwicklung zwar dynamisch war und ist, aber dass eine Reihe von Problemen dort aufgebaut worden
sind, die berühmten Defizite, das Leistungsbilanzdefizit, das Budgetdefizit, die geringen Ersparnisse im Konsumentenbereich und so weiter. Dort sind Probleme entstanden, die den Dollar
nicht gerade stärken.
Nun ist der Euro die zweitstärkste Währung, einfach deswegen, weil der Euro auch den größten Raum reflektiert, nämlich die meisten Menschen in seinem Währungsraum hat.
Aber in der Bewertung des Euro an den Märkten reflektiert sich auch das Renommee, dass die europäische Zentralbank gewonnen hat. Aber dieses Renommee allein reicht noch nicht aus. Es muss
durch entsprechende Strukturkorrekturen bei uns gefestigt werden. Und hier sind die Politik, die
Tarifpartner und die Unternehmen gefordert.
Jetzt kommt es entscheidend darauf an, die Wirtschaft wieder dynamisch zu machen, d.h. sie in eine Dynamik hineinzubringen. Das kann nur geschehen durch vermehrte
Investitionen im Standort Europa,
aber ich sage bewusst auch im Standort Deutschland. Denn das ist unser Problem, dass wir im Augenblick und nicht nur im Augenblick, sondern schon seit Jahren, eine anhaltende Wachstumsschwäche
haben bei den
Investitionen, obgleich die Exportaufträge sehr stark waren.
Die Exportflut hat sich aber bisher leider bei uns nicht übersetzt in einen Investitionsaufschwung und damit in einen gesamtwirtschaftlichen Aufschwung. Dies ist unser Problem und das ist eine
Frage von Vertrauen, aber das ist natürlich auch die Frage von Korrekturen bei bestimmten Strukturen, von den
Arbeitskosten bis hin zum Steuersystem.
ZDF: Kürzlich gab es den Jobgipfel beim Bundeskanzler, mit dem Beschluss, die Körperschaftssteuer soll gesenkt werden. Sind das Schritte in die richtige Richtung? Kann das
schon Vertrauen schaffen oder glauben Sie, dass das zu wenig ist, dass es ein schlüssiges Konzept braucht, was vorher dargestellt und dann konsequent verfolgt wird?
Tietmeyer: Ich halte es da mit dem Bundespräsidenten, der zu Recht gesagt hat, dass die
Agenda 2010 Schritte in die richtige Richtung eingeleitet hat und das ist wichtig. Aber
das ist eine Ausgangslage. Wir müssen noch mehr tun, um das Vertrauen für künftige Investoren herzustellen. Dies kann nur geschehen, wenn die Politik die Kriterien der
Kontinuität, der Konsistenz, das heißt des inneren Zusammenpassens, und damit auch der Kredibilität erfüllt. Nur das kann Investoren dazu bringen, wieder in diesem Lande zu
investieren, und von den
Investitionen hängen wir nun einmal ab. Insofern kommt es auch entscheidend darauf an, dass im
Arbeitsmarkt, aber auch in der Bildungspolitik, die richtigen
Weichenstellungen vorgenommen werden. Bisher hat es viele Diskussionen gegeben, aber es hat noch nicht genügend Klarheit gegeben, wo es hingehen soll.
ZDF: Wie beurteilen Sie die Zukunft des Euro? Nehmen wir einmal an - es ist ja nicht zu erwarten, dass sich Europa grundlegend ändert - wir werden weiterhin in den
europäischen Ländern hohe Staatsquoten haben, die Sozialsysteme belasten die Budgets nach wie vor viel stärker als in den USA oder in anderen Ländern. Glauben Sie, dass unter
diesen Startbedingungen der Euro trotzdem eine gute Zukunft haben wird?
Tietmeyer: Ich glaube, ja. Wir können nicht einfach das amerikanische Modell für uns übernehmen, mit einer sehr niedrigen
Staatsquote, mit einer Mobilität und
Flexibilität, wie wir sie in Europa vermutlich nicht bekommen werden. Wir müssen unseren Staatssektor zwar auch zurückführen, wir müssen ihn aber auch in sich selbst
flexibel, beweglich und klar abschätzbar machen und wir müssen in der Tat neue Incentives an den Arbeitsmärkten haben. Mobilität, wie es in Amerika üblich ist, das wäre
schön, aber das wird nicht erreichbar sein in dem Maße.
Aber wir brauchen mehr Flexibilität in den Entlohnungssystemen und wir brauchen vor allen Dingen eine Reduktion der
Arbeitskosten. Ich meine jetzt nicht die Löhne, sondern insbesondere die
lohnbezogenen Abgaben. Denn das ist unser Problem, dass wir unsere Sozialsysteme zu einem großen Teil über lohnbezogene Abgaben finanzieren, die die
Arbeitskosten erhöhen, mit der
Konsequenz, dass dann die Wettbewerbsfähigkeit in Gefahr gerät.
Hier müssen die Sozialsysteme so gestaltet werden, dass sie erstens in sich dauerhaft finanzierbar sind, auch unter den demographischen Bedingungen, und zweitens, dass sie weniger über
arbeitskostenrelevante Abgaben dauerhaft finanziert werden, sondern stärker durch Eigenfinanzierung oder dort, wo es notwendig ist, in Grenzen auch aus dem öffentlichen Budget.
ZDF: Wir haben überall in Europa relativ hohe
Staatsschulden, in Deutschland sogar extrem hohe, wenn man die implizite Staatsschuld mitrechnet. Sehen Sie angesichts so hoher
Staatsschulden eine Inflationsgefahr?
Tietmeyer: Kurzfristig sind diese Inflationsgefahren einigermaßen unter Kontrolle, aber die
Inflation ist niemals tot, sie kann immer schnell wiederkommen. Und dieses
Wiederkommen hängt nicht allein mit der
Finanzpolitik zusammen, sondern ist das Ergebnis vieler Faktoren. Die
Geldpolitik hat bis jetzt einen guten Rahmen gesteckt und ich hoffe, dass sie dabei
bleiben wird.
Was mich mehr beunruhigt als die aktuelle Inflationsgefahr, ist die Gefahr, dass wir zu lange in einer wachs-tumsschwachen Phase bleiben, die
Arbeitslosigkeit steigt, die
Staatsschulden dann noch
höher werden bei den gegebenen Finanzierungs- und Ausgabensystemen und dass wir sozusagen in einen Sog hineinkommen, dass wir immer länger auf der schwächeren Seite bleiben. Das ist
unsere eigentliche Gefahr. Wir müssen nach vorne wieder durchbrechen und das können wir nur, in dem wir auf der einen Seite die vom Staat und den Tarifpartnern beeinflussten
Rahmenbedingungen flexibler machen und auf der anderen Seite die
Fiskalpolitik überschaubarer machen, in dem die Schuldenentwicklung nachhaltig gebremst wird.
Das alles sind Punkte, die notwendig sind, um dieses Land wieder auf den richtigen Kurs zu bringen. Ich glaube, dieses Land hat das Potenzial, aber dieses Potenzial muss geweckt werden und dazu muss
man den Mut haben, nicht nur kurzfristige und kleine Schritte zu machen, sondern eine konsistente Strategie nicht nur verbal zu entwickeln, sondern sie auch glaubwürdig durch politische
Entscheidungen rüberzubringen.
Die Politiker müssen ihre Verantwortung nicht nur für die nächsten Monate und Wochen erkennen, sondern sie müssen die Verantwortung für die längerfristige Entwicklung
sehen. Und ihre Entscheidungen bestimmen nicht das Ergebnis morgen, sondern vielleicht erst das Ergebnis übermorgen stärker. Das ist allerdings ein Problem in einer demokratischen
Politikstruktur.
ZDF: Die Politiker sind eben gewöhnt, im Rhythmus von Wahlterminen zu denken und nicht im Rhythmus von Generationen.
Tietmeyer: Das ist in der Tat ein Problem. Ich sehe das sehr wohl, aber ich bin überzeugt, dass die Wähler letztlich auch durch eine vertrauenserweckende,
längerfristig angelegte, klar überschaubare, in den Grundlinien deutlich erkennbare Politik überzeugt werden können.
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